Die Turiner Grabtuch: Neue genetische Analysen stellen traditionelle Vorstellungen in Frage
Das Turiner Grabtuch, ein großes Leinenstück, das von vielen Gläubigen als das echte Grabtuch Jesu Christi angesehen wird, steht erneut im Mittelpunkt wissenschaftlicher Untersuchungen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie bietet einen neuen Blick auf die Geschichte dieses Objekts durch genetische Analysen.
Das Turiner Grabtuch ist ein beeindruckendes Leinenstück mit einer Länge von etwa 4,4 Metern, das in der christlichen Tradition als das Grabtuch Jesu Christi verehrt wird. In den letzten Jahren hat es immer wieder das Interesse von Wissenschaftlern geweckt. Eine aktuelle Untersuchung, deren Ergebnisse auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlicht wurden, stellt die bisherigen Annahmen über die Herkunft und Geschichte dieses Artefakts in Frage.
Historischen Dokumenten zufolge tauchte das Grabtuch erstmals im 14. Jahrhundert in Frankreich auf, als es in den Besitz des Ritters Geoffroy de Charny gelangte. Trotz der jahrhundertelangen Verehrung dieser religiösen Reliquie, die unter anderem 2015 von Papst Franziskus besucht wurde, stehen wissenschaftliche Erkenntnisse oft im Widerspruch zu den religiösen Überlieferungen. So deuteten frühere Radiokohlenstoffanalysen darauf hin, dass der Stoff zwischen 1260 und 1390 hergestellt wurde, was mit dem Zeitpunkt übereinstimmt, an dem das Tuch in historischen Chroniken als mögliche Fälschung erwähnt wird.
In der neuen Studie analysierten Wissenschaftler DNA-Proben, die bereits 1978 entnommen worden waren. Die Ergebnisse waren überraschend: Auf dem Tuch wurden Spuren einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren gefunden, deren Zusammensetzung jedoch die größten Fragen bei den Anhängern der Authentizität aufwirft. Insbesondere wurden DNA-Spuren von wilder Möhre, Orangen, Bananen und Erdnüssen entdeckt.
Die genetisch identifizierte Möhre stellte sich als eng verwandt mit Sorten heraus, die in Europa erst im 15. und 16. Jahrhundert gezüchtet wurden. Auch Orangen und Bananen gelangten erst nach der Zeit Christi in die europäische Region. Besonders verblüffend für die Forscher war das Fehlen typischer Flora des Nahen Ostens aus dem ersten Jahrhundert, was die Theorie eines mediterranen Ursprungs des Tuchs im späten Mittelalter stützt.
Die genetische Analyse der tierischen Spuren ergab die Anwesenheit von DNA von Schweinen, Schafen, Ziegen, Pferden sowie von Hauskatzen und -hunden. Dies deutet darauf hin, dass das Tuch über längere Zeiträume hinweg mit landwirtschaftlichen Umgebungen in Europa oder dem Mittelmeerraum in Kontakt war. Die Ergebnisse zur menschlichen DNA waren noch merkwürdiger. Über 55 % der gefundenen Linien stammen aus dem Nahen Osten, was häufig als Argument für die Authentizität des Tuchs angeführt wird. Im Gegensatz dazu machen west-europäische Linien nur etwa 5,6 % aus. Eine echte Sensation war das Vorhandensein von fast 39 % indischer genetischer Linien.
Wissenschaftler vermuten, dass dies mit dem Import von Garn oder dem Leinen selbst aus Regionen des Industals zusammenhängt, die in alten Texten als „Hindoyin“ erwähnt werden. Obwohl eine spätere Kontamination des Tuchs während des Transports und durch zahlreiche Ausstellungen nicht vollständig ausgeschlossen werden kann, deutet die Gesamtheit der Daten – von der Radiokohlenstoffdatierung bis zur Analyse landwirtschaftlicher Kulturen – zunehmend darauf hin, dass das Grabtuch ein einzigartiges Artefakt des Mittelalters ist.
Selbst wenn es nicht als direktes Zeugnis biblischer Ereignisse betrachtet werden kann, bleibt dieses Objekt eine wertvolle Informationsquelle über Handelsrouten, Migration von Pflanzen und kulturelle Interaktionen zwischen verschiedenen Teilen der Welt in der Vergangenheit. Somit stellen die neuen Forschungsergebnisse die traditionellen Vorstellungen über die Herkunft des Turiner Grabtuchs in Frage und eröffnen neue Perspektiven für zukünftige wissenschaftliche Untersuchungen.