Iran an einem Scheideweg: Wird Teheran die "Schale mit Gift" wählen?
Die Situation im Iran erfordert einen besonderen Ansatz, da die traditionelle Modellierung staatlichen Rationalismus nicht die interne Logik des iranischen Systems erklären kann.
Der Direktor des Zentrums für Nahostforschung, Igor Semivolos, betont, dass die Situation im Iran einen besonderen Ansatz erfordert. Die traditionelle Modellierung staatlichen Rationalismus kann die interne Logik des iranischen Systems nicht adäquat erklären. Diese Logik ist im Begriff Maslahat kodiert, der staatliche Zweckmäßigkeit bedeutet und in der politischen Theologie der Islamischen Republik Vorrang vor jedem formalen Gesetz hat, wenn es um das Überleben des Nizams – des Systems an sich – geht.
Es ist wichtig zu verstehen, dass es im iranischen Kontext einen grundlegenden Unterschied zwischen Dowlati, das den Staat als Institution, Wirtschaft und Wohlstand repräsentiert, und Nizam gibt, der ein revolutionäres Projekt und die Identität des Regimes darstellt. Wenn die Notwendigkeit einer Wahl entsteht, sind die Islamisten immer bereit, wirtschaftliche Interessen zugunsten des Erhalts des Nizams zu opfern.
Heute besteht eine ernsthafte Gefahr, da sich innerhalb des Systems die Logik „totale Eskalation wird den Nizam retten“ verfestigen könnte. Dies könnte sich in der Mobilisierung der Bevölkerung um nationale Symbole oder im Druck auf die USA zur Rückkehr äußern. In einem solchen Fall würden keine wirtschaftlichen oder humanitären Verluste als hemmender Faktor für Entscheidungen fungieren.
Es ist jedoch wichtig, einen entscheidenden Punkt zu beachten: Im Jahr 1988 appellierte auch Ayatollah Khomeini an das Konzept von Maslahat und wählte die „Schale mit Gift“, also den Weg der Deeskalation, als er erkannte, dass die Fortsetzung des Krieges eine schnellere Zerschlagung des Nizams bedrohte als die Kapitulation. Dieser Präzedenzfall ist für die gegenwärtige Situation von Bedeutung.
Daher ist die zentrale Frage, die sich heute stellt, nicht abstrakt, sondern sehr konkret: Wer hat in der iranischen System das letzte Wort und welches Bild der Realität nimmt Khamenei wahr, sofern er die Möglichkeit dazu hat? Wenn die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) die Informationen, die an die Spitze gelangen, filtern, steigt das Risiko eines katastrophalen Fehlers exponentiell.
Wir hoffen, dass diese Situation auch in den Hauptstädten der Koalitionsländer verstanden wird, die sich der möglichen Folgen ihrer Handlungen bewusst sind. Die heutigen Entscheidungen könnten nicht nur das Schicksal des Iran bestimmen, sondern auch Auswirkungen auf die globale Wirtschaft haben, die bereits ernsthaften Erschütterungen ausgesetzt ist.
Dieser Artikel wurde mit Genehmigung des Autors veröffentlicht und enthält wichtige Gedanken zur aktuellen Situation im Iran und deren Auswirkungen auf die Weltpolitik.