Orban vs. Tisa: Ehemalige Abgeordnete nennt drei Szenarien nach den Wahlen in Ungarn
In einem Beitrag für das analytische Zentrum Carnegie Europe analysiert die ungarische Politikwissenschaftlerin und ehemalige Abgeordnete Zsuzsanna Selényi drei mögliche Szenarien für die Entwicklungen nach den Parlamentswahlen in Ungarn am 12. April. Sie betont, dass die Oppositionspartei 'Tisa' unter der Führung von Péter Mádjár derzeit einen erheblichen Vorteil gegenüber der regierenden Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán hat.
In ihrem Artikel für das analytische Zentrum Carnegie Europe untersucht die Politikwissenschaftlerin Zsuzsanna Selényi, die am Zentralen Europäischen Universität im Bereich Demokratie tätig ist und zuvor im ungarischen Parlament saß, die möglichen Szenarien, die sich nach den bevorstehenden Parlamentswahlen in Ungarn am 12. April entwickeln könnten. Laut Selényi hat die Oppositionspartei 'Tisa', angeführt von Péter Mádjár, momentan einen signifikanten Vorteil gegenüber der regierenden Fidesz-Partei von Viktor Orbán. In einer demokratischen politischen Landschaft würde ein solcher Abstand in der Regel auf einen unvermeidlichen Machtwechsel hindeuten, doch Ungarn hat sich längst von einer gewöhnlichen politischen Ordnung entfernt.
Selényi hebt hervor, dass Viktor Orbán in seinen 16 Jahren an der Macht die Gewaltenteilung und die institutionelle Neutralität untergraben hat. Sie weist darauf hin, dass staatliche Institutionen, Haushaltsmittel, Regulierungsbehörden und regierungsnahe Medien nicht mehr als neutrale Schiedsrichter fungieren, sondern zu Werkzeugen des politischen Überlebens von Fidesz geworden sind. Dies, so Selényi, erschwert die Möglichkeit eines Machtwechsels im Land erheblich.
Bezüglich der Wahlergebnisse identifiziert Selényi drei mögliche Szenarien. Das erste Szenario sieht eine Dominanz von 'Tisa' vor, die es der Partei ermöglichen könnte, einen relativ bescheidenen Wahlsieg in entscheidenden institutionellen Einfluss umzuwandeln. Dies wäre ihrer Meinung nach der klarste Weg zu einem Machtwechsel, da viele Hebel der Verwaltung weiterhin unter der Kontrolle von Fidesz stehen. Sie warnt jedoch, dass ein Sieg von 'Tisa' ohne ein entsprechendes Mandat zu einem Machtstillstand und einem Konflikt zwischen der Wahllegitimität und der verankerten Staatsmacht führen könnte.
Das zweite Szenario beschreibt eine Situation, in der die Opposition eine einfache Mehrheit erreichen könnte, jedoch nahezu handlungsunfähig bleibt. Dies könnte zu politischer Stagnation führen, da die Opposition ohne ausreichende Unterstützung durch staatliche Institutionen ihre Programme nicht umsetzen kann. Das dritte Szenario sieht vor, dass 'Tisa' zwar mehr Stimmen erhält, Fidesz jedoch zusammen mit der rechtsextremen Bewegung 'Unsere Heimat' eine Koalition bilden und die parlamentarische Mehrheit sichern kann. Dies würde die Situation für die Opposition ebenfalls komplizieren.
Selényi ist der Ansicht, dass selbst im Falle eines Sieges der Opposition die gewünschten Veränderungen nicht zwangsläufig schnell eintreten werden. Sie stellt fest, dass Fragen des Rechtsstaats, der Korruption und der Beziehungen zu Brüssel möglicherweise rasch gelöst werden könnten, da Ungarn unter der Führung von 'Tisa' schnell mit der Europäischen Union zusammenarbeiten, der Europäischen Staatsanwaltschaft beitreten und versuchen könnte, eingefrorene Mittel freizugeben. Allerdings würden Themen wie Migration, Energie und die Unterstützung für die Ukraine mehr Zeit in Anspruch nehmen.
Selényi betont zudem, dass Jahre antiukrainischer Rhetorik und die Intransparenz der ungarischen Beziehungen zur russischen Energiepolitik einen schnellen Positionswechsel erschweren werden. Unabhängig von den Wahlergebnissen wird die ungarische Politik jedoch nicht zu einer normalen Agenda zurückkehren. Selbst wenn Fidesz erneut gewinnt, könnte die Partei nicht mehr mit der gleichen Sicherheit oder Autorität regieren, da sie anscheinend nicht mehr die aktive Unterstützung der Mehrheit genießt.
In diesem Kontext weist Selényi darauf hin, dass die Wahlen nicht nur einen Regierungswechsel betreffen, sondern auch die soziale Legitimität des Regimes untergraben. Sie hatte zuvor auch erklärt, dass Ministerpräsident Viktor Orbán die Ukraine nicht als Opfer russischer Aggression darstellt, sondern als Bedrohung für sein Land. Orbán hat erneut Behauptungen über angebliche Einmischungen der Ukraine in die inneren Angelegenheiten Ungarns aufgestellt und die ukrainische Regierung sowie Präsident Wolodymyr Selenskyj kritisiert.
Péter Mádjár, der Führer der ungarischen Oppositionspartei 'Tisa', betonte ebenfalls, dass die bevorstehenden Parlamentswahlen ein faktisches Referendum über den außenpolitischen Kurs des Landes darstellen werden – ob Ungarn zu einer demokratischen Europäisierung zurückkehren oder sich in Richtung eines autoritären Regimes bewegen wird. Diese Wahlen könnten entscheidend für die Zukunft Ungarns und dessen Platz in der europäischen Politik sein.